Stethoskop als Bakterienträger

Stethoskope sind stark keimbelastet, selbst mit Erregern, die zu schweren nosokomialen Infektionen führen. Einer neuen Studie zufolge finden sich auf der Membran unter anderem Acinetobacter, Clostridien, Corynebakterien, Pseudomonas und Staphyloccocus aureus.

Arzt mit Stethoskop

Ein weißer Kittel und ein sichtbares Stethoskop gelten als Wahrzeichen von Ärzten. Lässig um den Hals hängend oder aus der Kitteltasche lugend sind Stethoskope nicht nur gut sichtbar, sondern auch rasch einzusetzen. Sie werden im Ärztealltag oft benutzt – aber häufig nur unzureichend gereinigt oder gar desinfiziert. So können sich unzählige Krankheitserreger ansiedeln. Vor allem Membranen von Stethoskopen, die auf Intensivstationen verwendet werden, sind regelrechte Mikrobenherde. Vincent R. Knecht von der University of Pennsylvania und sein Arbeitsteam untersuchten unter anderem benutzte Stethoskope und solche aus Einmalverpackungen. Die Auswertung ergab: Staphylokokken, Pseudomas, Acinetobacter, Clostridien und Enterokokken finden sich auf rund jedem zweiten Abhörinstrument. Die Ergebnisse ihrer Studie wurde im Journal Infection Control & Hospital Epidemiology publiziert [1].

Sequenzierung mittels DNA-basierter Methode

Stethoskope sind potentielle Vektoren für die Übertragung nosokomialer Bakterien – das wurde bereits in vorherigen Studien untersucht. Bislang gab es jedoch nur kulturbasierte, halbquantitative Analysen. Knecht und Kollegen untersuchten nun die vollständigen Eigenschaften des Mikrobioms. Dafür nutzten die Wissenschaftler der University of Pennsylvania das Next-Generation Sequencing (NGS), ein relativ neues Verfahren der Hochdurchsatz-Sequenzierung. Mit dem NGS sequenzierten, analysierten und quantifizierten sie bakterielle 16S-rRNA-Gene auf Stethoskopen, die auf einer Intensivstation der University of Pennsylvania im Einsatz waren.

Höchste bakterielle Kontaminationswerte auf umhergetragenen Stethoskopen

Knecht und Kollegen untersuchten insgesamt 40 unterschiedliche Stethoskope: 20, die vom Klinikpersonal (Ärzte, Pflegkräfte, Therapeuten) um den Hals oder in der Kitteltasche getragen wurden und 20, die im Patientenzimmer am Bettplatz verblieben. Diese wurden mit frisch aus der Verpackung genommenen Einmal-Stethoskopen und Blindproben in Form unbenutzter Tupfer verglichen.

Im Ergebnis schnitten die umhergetragenen Stethoskope am schlechtesten ab, gefolgt von denen am Patientenbett. Auf ihnen tummelten sich die meisten bakteriellen Erreger - auch solche, die relevante nosokomiale Infektionen verursachen. Bei den Hintergrundkontrollen aus Blindproben und sauberen Einmal-Stethoskopen gab es keine Unterschiede bezüglich der bakteriellen Belastung.

Keim-Konzentration im Vergleich

Die Personal-Stethoskope zeigten eine signifikant höhere Bakterien-Konzentration als die im Patientenzimmer verbliebenen Geräte oder saubere Stethoskope (p = 0,035 bzw. p = 0,004; Wilcoxon-Rangsummentest). Die Bettplatz-Stethoskope wiesen eine signifikant höhere Konzentration als die sauberen Vergleichsgeräte aus der Einmalverpackung (p = 1,8 × 10–5; Wilcoxon-Rangsummentest) auf. Sowohl die umhergetragenen Stethoskope als auch die am Patientenbett waren signifikant stärker keimbelastet als die Hintergrundkontrollen, wohingegen saubere Stethoskope nicht von den Blindkontrollen zu unterscheiden waren (p = 0,967; Wilcoxon-Rangsummentest).

Erregerspektrum

Das Erregerspektrum auf den benutzten Stethoskopen war beeindruckend komplex. Neben Mund- und Hautkeimen fanden Knecht und Kollegen auch Erreger aus dem Gastrointestinaltrakt sowie Ubiquitärkeime. Das Spektrum reichte von Acinetobacter, Clostridien, Corynebakterien, Granulicatella, Porphyromonas, Prevotella, Propionibakterien und Pseudomonas bis zu Staphylokokken und Streptokokken. Jedes vom Arzt getragene Stethoskop (40 von 40) enthielt zum Beispiel Bakterien einer Staphylokokken-Spezies. Mehr als die Hälfte (24 von 40) der Stethoskope waren mit S. aureus kontaminiert, die meisten davon zusätzlich mit Enterococcus, Clostridium und Stenotrophmonas.

Zweit-Analyse nach Reinigung der Stethoskope

Im Anschluss an die Erst-Analyse wurde die Keimbesiedlung nach dem Reinigen bzw. Desinfizieren der benutzten Stethoskope wiederholt geprüft. Zuvor sollten die Stethoskope mit der Methode gereinigt werden, die normalerweise zwischen den Patienten angewandt wird. Nach der Säuberung mit Wasserstoffperoxid-Tüchern (n = 14), Alkoholtupfern (n = 3) oder Tüchern mit Natriumhypochlorit 0,55% (n = 3) bestimmten die Forscher erneut das Keimspektrum. Ein Rückgang der bakteriellen Besiedlung auf das Niveau unbenutzter Geräte konnten Knecht und Team nur bei etwa 10 Prozent der Stethoskope (2 von 20) beobachten. Nach einer gründlichen, standardmäßig empfohlenen Desinfektion (60 Sekunden lang kräftiges Abwischen der Membran mit einem Wasserstoffperoxid-Tuch) wurde das Niveau bei der Hälfte der Stethoskope (5 von 10) erreicht (p = 5,7 × 10–5; Student's T-Test).

Fazit

Die Studienergebnisse zeigen, dass umhergetragene Stethoskope, die bei mehreren Patienten verwendet werden, deutlich keimbelasteter sind als alle Vergleichsgeräte. Somit wird der Mikrobentransfer unter den Patienten erhöht und die Gefahr nosokomialer Infektionen steigt. Die Reinigungsmethode nach eigenem Ermessen führt nur zu einem unbefriedigenden Rückgang der Erreger. Eine bessere Dekontamination wird mit der standardisierten Desinfektion erzielt.

Diese Studie ist die erste molekularbasierte Analyse einer bakteriellen Kontamination von Stethoskopen auf einer Intensivstation. Noch ist aber unklar, welche Kontaminationsmenge klinisch relevant für die potenzielle Übertragung einer nosokomialen Infektion ist. Zudem wurde in der Studie eine DNA-basierte Suchmethode genutzt, so dass nicht zwischen lebenden oder toten Bakterien unterschieden werden konnte. Arzneimittelresistenzen wurden ebenfalls nicht identifiziert. Darüber hinaus beschränkte sich das untersuchte Erregerspektrum auf Bakterien, Pilz- und Virussequenzen wurden nicht berücksichtigt. Weitere Studien sollten die noch fehlenden Aspekte inkludieren, um einen sicheren Einsatz von Stethoskopen mit tatsächlich verringertem Kontaminationsrisiko zu gewährleisten.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 11.02.2019

Quelle:
  1. Knecht et al. (2019): Molecular analysis of bacterial contamination on stethoscopes in an intensive care unit. Infection Control & Hospital Epidemiology, DOI: https://doi.org/10.1017/ice.2018.319
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